Von Sinnen
Wie mich meine Sinne machtlos machen und kontrollieren.
Die Aufregung ist groß, meine erste derart lange Reise hat gestartet und ich weiß nicht, was mich die nächsten Monate erwartet. Alleine als Frau derart weit weg zu reisen und auf sich allein gestellt zu sein. Eine Mischung aus Angst, Neugier, Vorfreude und vor allem Lebensfreude spüre ich in mir. Zumindest würde ich es derart in Worte fassen, wie ich mich fühle. Es prickelt irgendwie, der Magen flattert etwas. Die Augen sind weit geöffnet und scannen die Crew und den Innenraum des Fliegers beim Einsteigen. Sofort stellt sich ein wohliges Gefühl ein, denn die thailändischen Flugbegleiter begrüßen mich mit einem strahlenden Lächeln. Ein freundliches “Sawadee Ka” kommt mir entgegen, während sie die Hände zur traditionellen Begrüßungsgeste (der Wai) vor dem Körper aneinander gelegt werden. Ich könnte Luftsprünge machen, wie ein kleines Kind zu Weihnachten, das es nicht erwarten kann ein Päckchen zu öffnen. Zuerst sollte ich meinen Sitzplatz finden – gar nicht so leicht in einem derart großen Flugzeug mit 9 Sitzplätzen in einer Reihe.
Fasziniert beobachte ich die Flugbegleiterinnen, denn ich sehe einen schönen Menschen nach dem anderen. Zumindest hat das was ich sehe diese Wirkung auf mich – strahlende Schönheit und Anmut. Aber noch ein anderer Sinn ist von Anfang an massiv gereizt und rasch überfordert. Der Geruchsinn. Denn es riecht von Anfang an nach Thai Food. Und ich liebe Thai Food. So richtig! So richtig, richtig!! Sofort fühle ich mich, als würden meine Sinne benebelt. Erwähnen muss ich hier allerdings, dass ich bewusst für diesen Reisetag den letzten Tag meines Heilfastens, genau genommen das Fasten brechen, eingeplant habe. Fünf ganze Tage habe ich keine feste Nahrung zu mir genommen – nur gesunde Flüssigkeiten. Für diese Reise steckt ein Apfel in meinem Handgepäck, als einzige Mahlzeit. Elf Stunden, der Apfel, diese verführerischen Gerüche, und ich. Man könnte es auch Folter und Qual nennen! Und es hat nicht lange gedauert, dass ich darüber nachdenke “Was wäre wenn?”. Und schon fängt eine innerliche Diskussion an, während allein der Geruchsinn schon dafür sorgt, dass mir das Wasser im Mund zusammenläuft. Zuerst fallen mir die Sprüche anderer ein “ das Schlechteste, für den Körper ist, wenn du nach dem Fasten nicht gemäßigt die Darmfunktionalität wieder aufbaust!” “Auf keinen Fall wieder einfach drauf los essen!” Schön und gut, aber was passiert, wenn man es trotzdem macht?
Und dann wird mir das Tablett mit dem Essen ganz selbstverständlich hingestellt. Waren meine Körperfunktionen schon eingeschränkt, sodass ich nicht rechtzeitig “Nein, danke” sagen konnte? Und nachdem es nun vor mir steht, war es doch keine Schande mal hinein zu sehen. Und ja, tatsächlich kommt nun noch ein weiterer Sinn hinzu, der definitiv für das Verspeisen argumentiert. Der Sehsinn. Nicht nur dieser vorzügliche Geruch, es war auch wundervoll angerichtet. Und es lässt sich erahnen, wer gewinnen wird. Die Sinne bringen den Verstand dazu, ihnen entsprechend zu argumentieren. “Gut. Dann stelle ich mich als Versuchsobjekt zur Verfügung: Wie reagiert mein Körper, wenn ich von heute auf morgen wieder zu Essen anfange?” Einzige Bedingung, die ich mir stelle: bewusst und achtsam zu essen. Und dann ist es endlich so weit. Die Belohnung. Der Geschmacksinn schlägt Purzelbäume. Es fällt mir schwer in Worte zu fassen, wie ausgewogen und vorzüglich dieses Essen schmeckt. Und das obwohl ich von einem On Board-Dinner spreche. Eine sehr sinn-volle Erfahrung.
Neurowissenschaftlicher Hintergrund
Aus neurowissenschaftlicher Sicht ist dieser Ablauf vollkommen nachvollziehbar. Ich befand mich in einer Ausnahmesituation. Meine Sinne liefen auf Hochtouren, vergleichbar mit einem Überlebensmodus. Stets bereit zu kämpfen oder flüchten. Ich war nicht wirklich gefährdet, aber meine Stresshormone waren aktiv, meine Emotionen fuhren Achterbahn und mein Körper nahm wohl an, er hat endlich die Erntezeit nach eine längeren Dürreperiode erreicht. Gut, dass es das neuronale Belohnungssystem gibt, dass den Duft des Thai Food im limbischen System meldet und mich wie süchtig darauf reagieren lässt.15 Die darauf folgende Dopaminausschüttung hat mein Gehirn, insbesondere meinen Hippocampus, gelehrt, wie es mich glücklich macht. Das wiederspiegelt auch meine persönlichen Erfahrungen, die mir (zumindest temporär) das Gefühl vermitteln, dass der Akt es Essens mich entspannt & beglückt. In diesem Fall scheinen meine 3.000 Geschmacksknospen auch aufgrund der langen Essens-Abstinenz ganz besonders auf den Essensreiz reagiert zu haben.16 Denn das war bis dato das Beste OnBoard Dinner, das ich genießen durfte.
